Die Überprüfung zum sektoralen Heilpraktiker Physiotherapie ist in allen Bundesländern ein Gespräch, keine Ankreuzprüfung. Ärzte des Gesundheitsamtes führen sie gemeinsam mit Heilpraktikern. Auswendig gelernte Fragenkataloge helfen dort nur begrenzt — geprüft wird, wie Du eine offene Situation erfasst und deine Entscheidung begründest.
Hier stehen zwei echte Prüfungssituationen, wie sie in der Überprüfung vorkommen. Lies sie — und lies danach, worauf es bei der Antwort ankommt.
Worauf die Überprüfung schaut
Die Leitlinie zur Heilpraktikerüberprüfung nennt für die Physiotherapie sechs Schwerpunkte (Bundesanzeiger):
- Eigenverantwortliche Diagnostik und Differentialdiagnostik — Krankheitsbilder, Verletzungen und deren Folgezustände erkennen
- Indikationsstellung für physiotherapeutische Maßnahmen
- Risikoscreening zur Gefahrenabwehr — Risiken und Gegenanzeigen erkennen
- Therapiealternativen, Nebenwirkungen und Komplikationen
- Interpretation von Fremdbefunden — Diagnosen und Befunde Dritter einordnen
- Maßnahmen zur Gefahrenabwehr — Warnsignale erkennen, die eine ärztliche Diagnostik erfordern
Wörtlich heißt es dort: „Die Überprüfung fokussiert sich nicht auf einen festen Ausbildungsstandard, sondern auf die Abwehr von Gefahren.” Zwei der sechs Punkte sind Gefahrenabwehr. Das ist der Maßstab, an dem die beiden Situationen unten gelesen werden.
Situation 1: Schulterschmerz nach dem Streichen
Eine 52-jährige Patientin kommt wegen Schmerzen in der linken Schulter in Ihre Praxis. Die Beschwerden seien vor vier Tagen entstanden, nachdem sie ein Wochenende lang die Wohnung ihrer Tochter gestrichen habe. Vor allem Arbeiten über Schulterhöhe seien irgendwann ziemlich anstrengend geworden.
Seitdem schmerze die Schulter beim Anheben des Arms und wenn sie nachts auf der linken Seite liege. Bei bestimmten Bewegungen trete der Schmerz auf, bei Schonung werde es besser.
Vor etwa vier Wochen habe sie schon einmal ähnliche Beschwerden gehabt. Damals habe der Orthopäde ein Röntgenbild gemacht und von einer „verkalkten Schulter” gesprochen. Irgendwann müsse man wohl sogar über einen Gelenkersatz nachdenken. Das habe sie ziemlich erschreckt.
Gestern habe der Schmerz einmal bis in den Oberarm gezogen, weshalb sie nun doch wieder beunruhigt sei. In Ruhe habe sie kaum Beschwerden. Atemnot, Brustschmerzen, Schwindel oder allgemeines Krankheitsgefühl bestünden nicht.
Die Prüfungsfrage: Wie ordnen Sie die Situation ein, welche Untersuchungen sind für Ihre Entscheidung sinnvoll und wie gehen Sie weiter vor?
Worauf es hier ankommt
Kein Lösungsweg — die Fragen, die ein Prüfer bei dieser Situation im Ohr hat:
- Passt der Fremdbefund zur heutigen Beschwerde? Ein Röntgenbefund von vor vier Wochen erklärt nicht automatisch, was heute weh tut. (Punkt 5)
- Und passt die Aussage zum Befund? „Gelenkersatz” ist eine Ansage, die zu einer anderen Diagnose gehört als zu einer Verkalkung. Wer sie ungeprüft übernimmt, übernimmt einen Fehler. (Punkt 5)
- Was sagt die Belastungsanamnese? Ein Wochenende über Schulterhöhe, seit vier Tagen, bewegungs- und lageabhängig, besser bei Schonung. (Punkt 1)
- Und was ist mit dem Zug in den Oberarm? Linke Schulter mit Ausstrahlung ist der klassische Nachahmer. Hier ist er durch die Anamnese unwahrscheinlich — aber man muss daran denken und die Abwesenheit festhalten. (Punkte 3 und 6)
- Behandeln — womit, und was schließt sich aus? (Punkte 2 und 4)
- Und die Angst? Die Patientin trägt eine Erwartung mit sich, die ein anderer Berufsträger erzeugt hat. Sie zu korrigieren ist Teil der Behandlung, nicht Beiwerk.
Situation 2: Der Termin, den er nicht ausfallen lassen will
Ein 68-jähriger Patient kommt zu seinem vereinbarten Behandlungstermin in Ihre Praxis. Bei ihm zeigen sich erste Anzeichen einer dementiellen Entwicklung. Die Hausärztin hofft, durch aktivierende therapeutische Maßnahmen seine Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten und eine häusliche Versorgung dauerhaft zu unterstützen.
Der Patient berichtet verärgert, dass heute Morgen irgendwie „alles schiefgegangen” sei. Beim Frühstück sei ihm die Tasse zweimal fast aus der linken Hand gerutscht. Seine Frau habe, wie so oft, gesagt, er solle besser aufpassen, und sich mal wieder darüber beschwert, dass er merkwürdige Dinge erzähle.
Jetzt fühle er sich eigentlich ganz normal und wolle seinen Termin nicht ausfallen lassen.
Als Sie ihn aus dem Wartebereich abholen, fällt Ihnen auf, dass das linke Bein beim Gehen etwas nachhinkt. Darauf angesprochen sagt der Patient, das sei gestern schon einmal so gewesen und habe sich wieder gelegt.
Die Prüfungsfrage: Wie ordnen Sie die Situation ein, welche Untersuchungen sind für Ihre Entscheidung sinnvoll und wie gehen Sie weiter vor?
Worauf es hier ankommt
- Was ist neu, und was ist bekannt? Die Demenz ist bekannt. Dass die Ehefrau sich über merkwürdige Erzählungen beschwert, ist „wie so oft” — also auch nicht neu. Neu sind die Hand und das Bein. (Punkt 1)
- Welches Muster bilden die neuen Befunde? Beide auf derselben Seite. Beide vorübergehend. Und gestern schon einmal. (Punkte 1, 3, 6)
- Welche Frage fehlt in der Schilderung? Wie lange die Episoden dauerten. Danach zu fragen, ist Teil der Antwort. (Punkt 1)
- Wer drängt hier in welche Richtung? Der Auftrag der Hausärztin, der Wunsch des Patienten, die Beschwichtigung der Ehefrau — drei Kräfte, alle in Richtung „behandeln”. (Punkte 2 und 5)
- Ist die Behandlungsindikation von heute noch dieselbe? Ein Behandlungsauftrag ist keine Erlaubnis, einen neuen Befund zu übergehen. (Punkte 2 und 6)
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Zwei Situationen gelesen zu haben ist nicht dasselbe, wie sie beantwortet zu haben. In der Prüfungssprechstunde bekommst Du eine zugeteilte Prüfungssituation, antwortest als Sprachmemo — wie in der Prüfung — oder ersatzweise schriftlich, und erhältst innerhalb von drei Tagen eine persönliche Rückmeldung von einem Arzt: ob deine Antwort trägt, welche entscheidenden Punkte Du übersehen hast und woran Du vor der Prüfung noch arbeiten solltest. Kostenfrei.
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Diese Seite gehört zur mündlichen Achse: Sie zeigt, wie die Überprüfung zum sektoralen Heilpraktiker Physiotherapie fragt. Wenn Du die schriftliche Prüfung zum großen Heilpraktiker vor Dir hast, ist die Heilpraktiker-Prüfungschallenge der passende Einstieg — dort geht es um Multiple-Choice-Fragen und medizinisches Grundlagenwissen.