Der erste Schritt ohne alle Antworten: Wie eine Schulleitung mit KI anfängt
Warum der KI-Anfang eine Erhebung ist, kein Konzept.
Der Moment ist unscheinbar: Eine Dozentin erwähnt in der Konferenz, dass sie ihre Fallbeispiele „mit KI vorbereitet“. Kurzes Schweigen, ein paar Blicke zur Leitung — und das Thema wandert weiter, wie schon beim letzten Mal. Nicht weil es unwichtig wäre. Sondern weil die Leitung glaubt, sie müsse erst ein vollständiges, allseits akzeptiertes Konzept haben.
Genau dieser Glaube ist der teuerste Irrtum im Umgang mit KI. Er sorgt dafür, dass in vielen Einrichtungen seit Monaten nichts entschieden wird, während im Haus längst mit KI gearbeitet wird — still, einzeln, ohne Rahmen. Und das Warten hat an Gewicht verloren: Seit dem 2. August 2026 ist die KI-Aufsicht in Deutschland praktisch besetzt, Artikel 4 der KI-Verordnung hat die KI-Kompetenz der Mitarbeitenden seit Februar 2025 im Blick. Eine Einrichtung, die auskunftsfähig sein will, kann das Anfangen nicht mehr auf den Tag verschieben, an dem alle Antworten vorliegen. Die gute Nachricht dieses Artikels: Sie braucht diesen Tag auch nicht.
Warum brauchen Sie kein fertiges Konzept, um anzufangen?
Weil KI sich nicht top-down verordnen lässt. Bei kaum einem Thema zeigt sich das so deutlich: Die Kompetenzen in der Umsetzung divergieren stark — zwischen den eigenen Fähigkeiten im Umgang mit den Werkzeugen und der Fähigkeit, KI mit dem individuellen Fachwissen zu verbinden. Die Lernkurven sind unterschiedlich steil. Wer gestern Anfänger war, kann in einem Vierteljahr die erfahrenste Person im Kollegium sein — feste Grenzen zwischen „die Erfahrenen“ und „die Anfänger“ gibt es hier nicht. KI eröffnet erstmals die Möglichkeit einer sehr unterschiedlichen Entwicklung innerhalb ein und desselben Themenbereichs.
Ein fertiges Konzept, von oben beschlossen, wäre unter diesen Bedingungen schon am Tag seiner Einführung falsch: Es würde einen Stand festschreiben, den das Haus im nächsten Halbjahr überholt. Die Aufgabe der Leitung ist eine andere — sie bildet den Rahmen, innerhalb dessen sich das Team entwickeln darf. Das ist der Teamgedanke, den KI von einer Schulleitung verlangt: nicht alle Antworten selbst haben, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen die Antworten im Haus entstehen können.
Wer so führt, braucht zum Anfangen genau eines: ein ehrliches Bild der Lage.
Was ist der erste Schritt?
Der erste Schritt ist eine Erhebung: herausfinden, was im eigenen Haus tatsächlich mit KI passiert — statt es zu vermuten. Das klingt banaler, als es ist. Die meisten Leitungen kennen einzelne Beispiele und schließen daraus auf das Ganze. Eine Standortbestimmung erhebt stattdessen systematisch, wer KI wofür nutzt, was dabei gut funktioniert, wo es hakt und was im Kollegium an Sorgen und Befürchtungen tatsächlich vorhanden ist.
Wichtig ist, was dieser Schritt nicht ist: Er ist keine Kontrolle, kein Audit und kein Projekt mit Lenkungskreis. Eine Standortbestimmung liefert das Roh-Ergebnis und ein Leitungsgespräch dazu — keine Folien und kein Gutachten. Sie ist klein, sie ist anonym, und sie verlangt vom Haus keine Vorleistung: kein Konzept, keine Regeln, kein Budgetbeschluss.
Eine Bedingung allerdings gibt es, und sie liegt bei der Leitung selbst: Ehrliche Antworten entstehen nur, wenn das Kollegium sicher sein kann, dass Offenheit keine Konsequenzen hat. Wie diese Zusage gelingt und warum sie vor jeder Erhebung stehen sollte, beschreibt der Beitrag zur Führungszusage vor der ersten Erhebung im Kollegium.
Wie geht es nach dem Befund weiter?
Aus dem Befund ergibt sich die Reihenfolge — nicht umgekehrt. Erst wenn sichtbar ist, was im Haus läuft und welche Kompetenz an welcher Stelle fehlt, lässt sich entscheiden, was zuerst kommt: eine Regel für den dringlichsten Fall, eine interne Werkstatt am eigenen Unterrichtsstoff, ein Klärungsgespräch mit dem Träger. Jede dieser Entscheidungen ist klein, begründbar und korrigierbar.
Das entlastet dort, wo der Druck am größten ist: Sie müssen nicht heute festlegen, wie Ihre Einrichtung in drei Jahren mit KI arbeitet. Sie legen fest, was als Nächstes geklärt wird — und behalten sich an jeder Stufe die Entscheidung vor, ob und wie es weitergeht. Ein Rahmen wächst mit dem Team, das sich in ihm entwickelt; ein Konzept veraltet neben ihm.
Und der Anfang trägt weiter als gedacht: Eine Leitung, die erhoben hat, was gilt, kann jedem, der fragt — Träger, Kollegium, Behörde — belegen, dass sie den Umgang ihres Hauses mit KI führt. Nicht mit einem Ordner, sondern mit einem Befund und begründeten Entscheidungen daraus.
Der erste Schritt, konkret
Bevor Sie Ihr Haus fragen, halten Sie fest, wie Sie selbst die Lage einschätzen: Der KI-Selbst-Check tut das in fünf Minuten — kostenfrei, ohne Vorleistung, Ergebnis sofort. Was das Kollegium tatsächlich tut, zeigt danach die anonyme Erhebung im ganzen Haus: die Standortbestimmung, mit der das Programm KI-Handlungskompetenz — für Ausbildungseinrichtungen im Gesundheitswesen — beginnt.
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Art. 4 (KI-Kompetenz), gilt seit 2. Februar 2025
- Gesetz zur Durchführung der KI-Verordnung, in Kraft seit Ende Juli 2026; Bundesnetzagentur als zentrale Aufsichtsbehörde seit 2. August 2026
- Zielgruppen-Dossier Schulleitung und Baustein 1a „Standortbestimmung“ (docmoritz, intern)